{"id":773,"date":"2020-10-09T18:29:28","date_gmt":"2020-10-09T18:29:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.travelslowly.de\/?p=773"},"modified":"2023-08-30T13:45:05","modified_gmt":"2023-08-30T13:45:05","slug":"eine-auszeit-mit-dem-rad-von-deutschland-nach-sudkorea","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.travelslowly.de\/?p=773","title":{"rendered":"Eine Auszeit. Mit dem Rad von Deutschland nach S\u00fcdkorea"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-e9caa2b4-0ca8-48d0-bd2a-17a5030be687\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3_kyrgyzstan_2-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 3_kyrgyzstan_2-1024x680.jpg\"\/><figcaption><em>Dongho mit seinem Fahrrad, Kirgistan, 2016.<\/em> <em>Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2016 brach der koreanische Architekt Nam Dongho zu einem Abenteuer auf. Er hatte einige Zeit in Amsterdam gearbeitet und steckte nun in einem unbefriedigenden Job in einem Architekturb\u00fcro in M\u00fcnchen fest. Seit l\u00e4ngerer Zeit tr\u00e4umte er davon, eine Radtour zu seiner Heimatstadt Deagu in S\u00fcdkorea zu unternehmen. Er k\u00fcndigte seine Arbeit und begann ab 1. Mai bis 5. September 2016 eine atemberaubende, vier-monatige Reise nach S\u00fcdkorea.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-50510db9-43cc-46c6-82f2-7dc7a6df9868\">Die Strecke von M\u00fcnchen nach Deagu f\u00fchrte rund 15.000 km durch folgende L\u00e4nder: Deutschland, \u00d6sterreich, Kroatien, Slowenien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Bulgarien, T\u00fcrkei, Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, China und schlie\u00dflich S\u00fcdkorea. Dongho radelte sagenhafte 5.000 km, jeden Tag etwa 60 bis 100 km. Die restlichen zwei Drittel der Strecke legte er mit Bussen, Bahnen und Schiffen zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Die viermonatige Radtour entschleunigte definitiv Dondhos Reise zum Endziel, seinem Elternhaus. Aber sieht sich der Individualreisende als Slow Traveller?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-c55491c6-d3c0-45b6-98bd-4362005807ee\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Map-1024x507.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is Map-1024x507.jpg\"\/><figcaption><em>Dhongos Radstrecke von M\u00fcnchen, Deutschland, bis Deagu, S\u00fcdkorea, 2016. Landkarte: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-b80c9898-c724-4f14-81b7-7c9ed8b5a526\"><strong>Was ist die Hintergrundgeschichte zu deiner Reise? Was brachte dich dazu sie anzutreten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, es gibt immer viele Gr\u00fcnde. Ich war erstens von einem deutschen Freund inspiriert, der von Deutschland nach China geradelt war. Der zweite Grund war, dass ich in dem Jahr meine deutsche Aufenthaltsgenehmigung erhielt. Normalerweise ist das Recht f\u00fcr Nicht-Europ\u00e4er in Deutschland zu bleiben an einen Job gebunden. Wenn man seinen Arbeitsplatz verliert, muss man das Land verlassen. Das bedeutete also, dass ich nun flexibler in Deutschland war und auch in meinen Entscheidungen. Ich hatte au\u00dferdem meinen Job satt, was wohl der dritte Grund war. Ich arbeitete f\u00fcr ein kleines Architekturb\u00fcro in M\u00fcnchen. Die Arbeit langweilte mich und meine zwei Chefs waren die ganze Zeit sehr gestresst. Ich musste dort raus. Dank der deutschen Aufenthaltsgenehmigung musste ich nicht direkt eine Arbeitsstelle im Anschluss finden.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-e3e5d842-4758-451b-880d-4dc289889a7d\">Aber der wohl gr\u00f6\u00dfte Grund f\u00fcr die Reise war der vierte: Ich war im Leben etwas verloren. Ich litt und der Schmerz war kaum auszuhalten. Ich war wahrscheinlich am engagiertesten, als ich an der Universit\u00e4t studierte. Ich liebte mein Fach \u2013 Architektur ist wirklich sehr interessant zu studieren. Im Berufsleben begriff ich, dass die Realit\u00e4t ganz anders ist als man es sich vorstellt. Ich denke, ich war auf der Suche nach etwas. Ich wei\u00df nicht, was es genau war und ich wei\u00df es bis heute nicht.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-cdbf1237-f3d7-4683-911a-33cfd686557f\">Ich brauchte Zeit f\u00fcr mich und Zeit \u00fcber mein Leben nachzudenken. Vielleicht war ich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Oder ich wollte einfach der miserablen Realit\u00e4t entkommen. Ich wei\u00df nicht, welche Gr\u00fcnde st\u00e4rker waren, aber all diese Gr\u00fcnde zusammen f\u00fchrten zu meiner Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-9f97f76b-40c9-49fa-a8fc-110b15abe212\"><strong>Warum entschiedst du dich daf\u00fcr alleine zu reisen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, nicht viele Menschen sind bereit so eine Art Reise zu unternehmen. Ich habe tats\u00e4chlich nicht einmal dar\u00fcber nachgedacht, ob ich jemand finden k\u00f6nnte, der mitkommt. Au\u00dferdem wollte ich meine eigenen Freiheiten haben. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-eb0121fa-59cf-481e-a813-9fdad577102b\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1_Serbia_Dimitrovgrad-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 1_Serbia_Dimitrovgrad-1024x680.jpg\"\/><figcaption><em>Bereits im sechsten Land, Dimitrovgrad, Serbien, 2016.<\/em> <em>Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-350f9212-5717-4a38-9146-36adf5ea604f\"><strong>Was hast du vor deinem Reiseantritt geplant?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe nur das gro\u00dfe Ganze geplant. Wo ich hinfuhr. Alles andere, wie Unterk\u00fcnfte, Informationen zu den L\u00e4ndern und kulturelle Gepflogenheiten, habe ich \u00fcberhaupt nicht recherchiert. Das einzige was ich plante, war meinen Freund in Bosnien zu besuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich auf dem Land radelte brauchte ich eigentlich nie eine Unterkunft \u2013 ich konnte einfach in meinem Zelt schlafen. Wenn ich durch eine Stadt fuhr, buchte ich ein Zimmer, da es sehr schwer war in einer Stadt ein Platz f\u00fcr ein Zelt zu finden. Wenn ich ein Hostel- oder Hotelzimmer buchte, tat ich das meist nur ein oder zwei Tage davor. Ich couchsurfte auch in einigen Orten. Die Anfragen daf\u00fcr mussten etwas fr\u00fcher gesendet werden, so etwa ein oder zwei Wochen davor. Couchsurfing war eine gute Methode, Einheimische kennen zu lernen und \u00fcber ihre Stadt und ihr Land etwas zu lernen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-0e211ddc-c913-4cbb-9e5d-7e3bb5a63818\">In Vorbereitung f\u00fcr die Reise bin ich viel Rad gefahren. In M\u00fcnchen betrug die Strecke von meiner Wohnung zur Arbeit 15 km. Jeden Tag fuhr ich 30 km zur Arbeit und zur\u00fcck. Ich denke, das war ein ganz gutes Training f\u00fcr die Radtour.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-38ae6bfd-e974-40e9-b4d3-556d1e1e04f4\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1.2-Typical-secondary-road-in-Georgia-on-my-way-to-Azerbaijan-10-juni.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 1.2-Typical-secondary-road-in-Georgia-on-my-way-to-Azerbaijan-10-juni.jpg\"\/><figcaption><em>Typis<\/em>che Seitenstra\u00dfe<em>, Georgien, 2016.<\/em> <em>Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-c6359441-373d-4a72-9860-c75de3b836ce\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1.3-azerbajan-naftalan-to-Mususlu.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 1.3-azerbajan-naftalan-to-Mususlu.jpg\"\/><figcaption><em>Regen zieht auf, Naftalan nach Mususlu, A<\/em>serbaidschan, <em>2016.<\/em> <em>Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-10f915a5-186a-459b-a805-1f0fa29dcbe0\"><strong>Wie hast du die Natur w\u00e4hrend deiner Reise wahrgenommen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn du immer drau\u00dfen bist, gehst du auf jeden Fall eine Verbindung mit der Natur ein. Ich habe nicht einmal die Wettervorhersage \u00fcberpr\u00fcft. Du kannst das aufkommende Wetter ganz einfach mit deinen eigenen Augen sehen oder du f\u00fchlst es. Du wirst quasi Eins mit der Natur. Dein Rhytmus ist derselbe wie der Rhytmus der Natur. Ich bin haupts\u00e4chlich in der Sommerzeit geradelt, also waren die Tage entsprechend lang. Ab 4.00 Uhr morgens wurde es langsam hell. Dann \u00f6ffnete ich meist meine Augen, packte das Zelt zusammen und begann zu radeln. Ich konnte anhalten wann immer ich wollte, um die sch\u00f6ne Landschaft zu genie\u00dfen, aber mit Ausnahme dieser kurzen Pausen, radelte ich weiter. Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, war ich die meiste Zeit der Reise in der Natur. Abends suchte ich dann eine Campingstelle und als es dunkel wurde, legte ich mich schlafen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-acfa2cc8-9b54-4a16-8084-a2b9770d27bc\">Aber in der Natur zu sein war nicht immer angenehm. Meine Reise war definitiv von allen m\u00f6glichen Wetterarten beeinflusst. Als ich die Reise am 1. Mai antrat, dachte ich Mai sei nicht kalt. Weit gefehlt! Ich versuchte die \u00d6sterreichischen Alpen zu \u00fcberqueren, aber als ich einen Pass erreichte waren dort riesige Schneeberge und viel zu viel Schnee. F\u00fcr die eine Nacht campte ich dort, aber es war viel zu kalt. Im Endeffekt schaffte ich es nicht, dort die Alpen zu \u00fcberqueren.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-0963aa74-8e41-4e0c-a1b5-335a39a193fe\">Ich habe w\u00e4hrend der Reise auch bemerkenswerte Ver\u00e4nderungen in der Landschaft beobachtet. Als ich in Aserbaidschan war durchquerte ich das l\u00e4ndliche Gebiet zweimal, da ich in Baku auf ein Visa f\u00fcr Usbekistan wartete. Das dauerte ziemlich lange und ich wollte nicht so lange in einer Stadt bleiben. Also stieg ich in einen Bus und nahm eine andere Strecke um Baku erneut zu erreichen. Anfangs hatte ich eine Strecke im S\u00fcden befahren, wo das Land sehr trocken und karg war. Beim zweiten Mal nahm ich eine n\u00f6rdliche Route, wo mich das Gr\u00fcn der Landschaft wirklich \u00fcberraschte.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-05fd7b91-ebab-407f-bfe0-ca12a32871f3\">Sp\u00e4ter geriet ich dann in ein total gegens\u00e4tzliches Wetter zu den \u00d6sterreichischen Alpen. Wegen des unglaublich hei\u00dfen Wetters musste ich in Tashkent in Usbekistan mehrere Tage pausieren. Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich solch eine Hitze erlebt. Wenn ich mich richtig erinnere waren es fast 50 Grad.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-166a6a16-3dff-44a8-b094-69d88f89543a\">Aber das wohl sch\u00f6nste Naturerlebnis hatte ich in Kirgistan. Nach der trockenen Landschaft Usbekistans war die Natur dort unglaublich sch\u00f6n. Kirgistan ist am Ende der Himalaya-Region gelegten und sehr bergig. Ich radelte einen 3.500 m hohen Gebirgspass hinauf. W\u00e4hrend des Anstiegs durchlebte ich sehr warmes Wetter am Fu\u00dfe des Berges bis zu Schnee an der Spitze.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-6ea68295-aac0-41e2-9db2-815e4a98384d\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/2_somewhere-in-Kazakhstan-1-1024x768.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 2_somewhere-in-Kazakhstan-1-1024x768.jpg\"\/><figcaption><em>Ein Schlafplatz mit Aussicht, Kasachstan, 2016. Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-d9bed36f-cc94-442f-a49f-1d8756f8e85b\"><strong>Hast du l\u00e4ngere Pausen entlang der Strecke gemacht?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich habe einige Pausen entlang der Reiseroute gemacht, aber haupts\u00e4chlich aus organisatorischen oder gesundheitlichen Gr\u00fcnden. Ich blieb f\u00fcnf Tage in Tbilisi in Georgien, da ich eine Lebensmittelvergiftung hatte. In Baku in Aserbaidschan wartete ich vier oder f\u00fcnf Tage auf mein Visa f\u00fcr Usbekistan. In Usbekistan pausierte ich vier oder f\u00fcnf Tage, weil es, wie bereits erw\u00e4hnt, schlichtweg zu hei\u00df war um Rad zu fahren. Im Hostel habe ich ein deutsches Paar kennengelernt. Sp\u00e4ter, in Bishkek in Krigistan machte ich eine weitere Pause. Der n\u00e4chste Teil der Reise w\u00fcrde sehr bergig werden, deshalb wollte ich ausruhen, bevor die harte Strecke begann. Eine Woche lang hielt ich mich in einem Ort auf, der sehr ber\u00fchmt ist unter Radfahrern und trag viele andere Langstrecken-Radreisende. Das deutsche Paar, das ich in Tashkent kennenlernte, schrieben mir, dass sie in Osh in Kirgistan waren. Da Osh auf meiner Strecke lag, traf ich sie und lernte \u00fcber sie einen weiteren Deutschen kennen. Wir blieben dort gemeinsam f\u00fcnf Tage.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderer sehr interessanter Ort, an dem ich l\u00e4nger war war Kashgar in China. Die Stadt liegt im Westen Chinas. Die Einheimischen dort identifizieren sich nicht wirklich als Chinesen und wollen unabh\u00e4ngig sein. Aber f\u00fcr China ist Kashgar geographisch sehr wichtig. Deshalb arbeitet die chinesische Regierung verst\u00e4rkt daran, die Menschen dort zu kontrollieren. Die Menschen vor Ort nennt man Uyghuren. Urspr\u00fcnglich aus der T\u00fcrkei stammend, sind sie eine muslimische Kultur. Die Geschichte und Kultur der Stadt waren sehr interessant. Der andere Vorteil war, dass ich dort viele Radfahrer kennenlernte: ein Schweizer, zwei Niederl\u00e4nder und einen Deutschen, den ich bereits aus Osh kannte.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-ea6214f5-daf8-49dc-b559-5950902c1edb\"><strong>Hast du w\u00e4hrend deiner Reise Freundschaften geschlossen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich dar\u00fcber nachdenke, habe ich w\u00e4hrend meiner Reise nicht wirklich aktiv versucht mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Aber es gab entlang der Strecke immer Einheimische, die mich zum Tee eingeladen haben. Ansonsten radelte ich aber weiter. Die Freundschaften, die ich auf der Reise schloss waren ausnahmslos andere Radfahrer. Ich mochte sie alle. Au\u00dferdem trafen wir uns unter besonderen Bedingungen, alle auf Langzeitreisen auf dem Weg zu einem Ziel. Leute in Orten zu treffen, in denen sonst nichts ist, ist sehr interessant. Mit einigen bliebt ich in Kontakt, aber wir verloren uns mit der Zeit aus den Augen. Aber ich denke, das ist in Ordnung. Wir sind in der Erinnerung des anderen, sch\u00e4tze ich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-3aa1b30b-71bc-41b5-a61f-cc6b8da12be0\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3_kyrgyzstan_with-a-couple-from-UK_2-1024x768.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 3_kyrgyzstan_with-a-couple-from-UK_2-1024x768.jpg\"\/><figcaption><em>Unterwegs mit einem britischen Paar, Kirgistan, 2016.<\/em> <em>B<\/em>ild<em>: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-072d4fe7-c916-4b35-8dea-498cdf398d6f\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/4_kyrgyzstan_Osh_with-Germans-2_2-1024x768.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 4_kyrgyzstan_Osh_with-Germans-2_2-1024x768.jpg\"\/><figcaption><em>Mit deutschen Freunden, Osh, Kirgistan, 2016. Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-681b703a-331c-41c7-bb83-205f9df1e4ea\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/5_kyrgyzstan_with-a-french-couple-and-a-german_2-1-1024x768.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 5_kyrgyzstan_with-a-french-couple-and-a-german_2-1-1024x768.jpg\"\/><figcaption><em>Abendessen mit einem franz\u00f6sischen Paar, Kirgistan, 2016.<\/em> <em>Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-293734dc-50bc-4996-8df8-8d0f5868cf10\"><strong>Gab es Unerwartetes oder gar Katastrophen w\u00e4hrend deiner Reise?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte keine wirklich ernsthaften Probleme, aber es gab ein paar Schwierigkeiten. Eine der interessantesten Geschichten passierte am 10. Juni, als ich von der aserbaidschanischen Polizei verhaftet wurde. Es war der 40. Tag meiner Reise und ich hatte gerade die Grenze zu Aserbaidschan \u00fcbertreten. Es regnete leicht, aber es war nicht so stark und ich radelte weiter. Wie immer machte ich ein paar Fotos entlang des Weges. Pl\u00f6tzlich, etwa 15 km im Inland, wurde ich von f\u00fcnf Soldaten gestoppt. Gl\u00fccklicherweise sprach einer von ihnen Englisch. Er sagte mir, ich solle ihnen meine Fotos zeigen. Sie begutachteten sie und es schien alles in Ordnung. Der englisch-sprachige Soldat meinte, es w\u00e4re kein gro\u00dfes Ding. Wie auch immer, sie mussten mich bei der Polizei melden und bald kamen einige Polizisten und befahlen mir, mit meinem Rad in ihr Auto zu steigen. Mein Rad passte kaum in das kleine Polizeiauto, aber irgendwie schafften wir es, alles unterzubringen. Ich hoffte, wir w\u00fcrden etwas weiter entlang der Strecke fahren, aber das Auto fuhr die gesamte Strecke zur\u00fcck, die ich bereits geradelt war. Die Polizeistation lag in einem sehr kleinen Dorf, das noch nicht einmal auf einer Landkarte verzeichnet war. Bald regnete es stark und ich war ziemlich zufrieden mit meiner Verhaftung. Die vier Polizisten in der Station waren auch alles sehr freundlich und nett.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-6b96f877-c39a-4c72-8e8b-472219b8ccfb\">Ich sa\u00df dort etwa zwei Stunden und es schien, als w\u00fcrden wir auf etwas warten. Ich wusste nicht was los war. Und in der Polizeistation sprach niemand Englisch. Es regnete jedenfalls und ich konnte sowieso nirgends hin, also k\u00fcmmerte ich mich nicht weiter darum. Schlie\u00dflich kam der Leiter der Polizeistation mit einem \u00dcbersetzer. Er begann mich zu befragen. Wenn ich es runterbreche, fand die Unterhaltung in etwa wie folgt statt:<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-8d6651d9-80ac-4ed1-8aa0-b34d9a72be3b\">Polizei: &#8220;Was machst du hier? Warum hast du Bilder von diesem und jenem gemacht?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-86fa9f72-4e85-4110-8bcc-13c3e2d43cf1\">Ich: &#8220;Ich bin ein Tourist. Ich mache Bilder von allem M\u00f6glichen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-7c8e8a85-58a5-4a72-8ec8-da7f4adc3390\">Polizei: &#8220;Ich glaube dir nicht. Warum bist du nach Aserbaidschan gekommen? Bist du ein Geheimagent, der die \u00d6l-Pipeline unserer Stadt ausspioniert?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-e61f60dd-b01d-4efb-9c02-a7446f2b5c05\">Ich: &#8220;Sorry, ich wusste davon gar nichts. Ich wei\u00df \u00fcberhaupt nichts \u00fcber ihre Stadt. Ich bin nur ein Tourist.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-fba2acd4-6bb8-414f-85b6-2d236b4c1c88\">Polizei: &#8220;Ich glaube dir nicht. Ich mag dein Gesicht nicht. Ich wei\u00df, dass du l\u00fcgst. Was hast du hier zu suchen?&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-b6177432-2deb-4ab6-b1ea-3da2ca030c43\">In dem Stil ging es etwa zwei Stunden weiter. Es machte mich verr\u00fcckt. Sp\u00e4ter kam ein anderer Mann dazu, wahrscheinlich in einer noch h\u00f6heren Position. Er hatte mehr oder weniger dieselben Fragen. Endlich, nach vier oder f\u00fcnf Studen durfte ich die Polizeistation verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-3f6b8496-1555-46d4-9fa5-770f31a1373f\">Es regnete immer noch, aber ich wollte dort einfach nur weg. Deshalb stieg ich auf mein Rad und fuhr im Regen weiter. Ich fuhr bereits seit eineinhalb Stunden im Regen, als das Wetter immer schlimmer wurde. Es war nichts um mich herum. Absolut nichts. Kein Haus, keine Busstation, kein Baum, kein Dach. Nur die Stra\u00dfe und das leere Feld. Wie dem auch sei, ich habe immer Gl\u00fcck. Ich sah einen Schiffscontainer mit einer Person darin am Stra\u00dfenrand. Ich eilte zu dem Container und es stellte sich heraus, dass der Mann unglaublich freundlich war. Er bot mir viele Tassen Tee an und etwas zu Essen. Ich wei\u00df nicht, wie ich die Situation am besten beschreiben kann. Klar ist, dass er definitiv meine Rettung war. Er lies mich auch in seinem Container schlafen f\u00fcr die Nacht. Ich hatte solch ein Gl\u00fcck und versp\u00fcrte dem Fremden gegen\u00fcber eine gro\u00dfe Dankbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-4ac3a3c8-9256-4477-b60f-102362a9feac\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DSC_0033-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is DSC_0033-1024x680.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-30647dda-f049-485a-906e-bcabfaaad602\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DSC_0076-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is DSC_0076-1024x680.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-a343717a-c7b3-45b8-8e40-1d90d85bd71e\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DSC_0067-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is DSC_0067-1024x680.jpg\"\/><figcaption><em>Auf dem Weg zum Song Kol See, Kirgistan, 2016. Bilder: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-3ccd40ea-5309-4537-8a3e-34c401d102ee\"><strong>Was war das Beste an deiner Reise?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-a8d941f2-9959-422c-804e-be71fc58a6fb\">Jeder Moment.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den zweiten Blick, ist es eine sehr schwere Frage. Tats\u00e4chlich frage ich mich das immer noch selbst, denn ich habe jeden Moment genossen als ich Rad gefahren bin. Ich war jeden Tag v\u00f6llig zufrieden. Dabei radelte ich nur. Jeden Tag hatte ich etwas zu tun. In diesem Fall war es ein Ziel, das zu erreichen war. Ich sah viele verschiedenen St\u00e4dte, Landschaften und Panoramen. Manchmal traf ich andere Menschen und wir unterhielten uns freundlich und lachten gemeinsam. Aber ich wei\u00df nicht, was genau mich so zufrieden machte. Das wahrscheinlich beste an der Reise war, dass ich die Freiheit hatte meinen Weg selbst zu w\u00e4hlen. Ich war von niemandem abh\u00e4ngig. Ich war abh\u00e4ngig von meinem eigenen Willen.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-6f7fb971-6b4e-4378-977c-b4054f491d1c\"><strong>Was hast du \u00fcber dich selbst w\u00e4hrend der Reise gelernt? Hat sie dich ver\u00e4ndert?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-12c6611d-843d-40a4-aed4-1bd1c6fdd63a\">Meine ehrliche Antwort ist: Ich wei\u00df es nicht. Ich habe sehr gelitten vor dem Trip. Ich wei\u00df nicht, ob es daran lag, dass mein Leben in Deutschland so einsam war, weil ich so ungl\u00fccklich in meinem Job war oder weil ich keinen Sinn im Leben finden konnte.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-12c6611d-843d-40a4-aed4-1bd1c6fdd63a\">Die Reise hatte einen gro\u00dfen Einfluss auf mich. In jedem einzelnen Moment war ich gl\u00fccklich. Es gab mir die Hoffnung, dass das Leben besser sein k\u00f6nnte. Ich dachte, ich h\u00e4tte mich ver\u00e4ndert. Zur\u00fcck in Deutschland trat ich eine neue Stelle als Architekt an, aber es ging mir auch dort schlecht. Jetzt, nachdem ich meinen Job erneut gek\u00fcndigt habe, realisiere ich, dass ich immer noch nicht wei\u00df, ob ich etwas durch meine Reise gelernt habe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-c51b9329-5275-4933-9282-6b954df53079\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DSC_0112-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is DSC_0112-1024x680.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-e18767df-7a40-4177-9f5e-f9f45fa5ea3d\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DSC_0128-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is DSC_0128-1024x680.jpg\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-8cafc871-7f85-4a47-90e9-4458d4623950\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/DSC_0118-1024x680.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is DSC_0118-1024x680.jpg\"\/><figcaption><em>Ankunft am Tagesziel, Song Kol See auf dem Berg-Plateau, H\u00f6henlage 3.000 m, Kirgistan, 2016. Bilder: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p id=\"block-57b47df0-e05a-4420-89d4-5920d7da5908\"><strong>Siehst du dich selbst als Slow Traveller?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe festgestellt, dass eine umweltfreundliche Einstellung und ein nachhaltiger Lebensstil sehr wichtig f\u00fcr Slow Travel ist. Aber ich bin mir dessen nicht so bewusst. Andererseits bin ich keine Person, die viel Umweltverschmutzung verursacht. Ich musste w\u00e4hrend meiner Reise nicht wirklich bewusste Entscheidungen treffen. Was ich f\u00fcr die Umwelt getan habe war kein Flugzeug zu nehmen. Aber das lag daran, dass es auf einer Radreise keinen Sinn machte. Nat\u00fcrlich war Radfahren gut f\u00fcr die Umwelt, aber das war nicht der Hauptgrund, warum ich mich f\u00fcr dieses Transportmittel entschieden hatte. Nichtsdestotrotz kann meine Reiseart definitiv als Slow Travel gelten.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-b562b9f7-5e4e-4d3f-956c-fbbe6311a9e0\">Der wesentliche Punkt war jedenfalls die Zeit. Es war eine sehr minimalistische und bescheidene Reise, aber auf Zeit bezogen, war sie luxuri\u00f6s. Ich hatte keinerlei Zeitdruck. Die langsame Fortbewegung st\u00f6rte mich \u00fcberhaupt nicht. Vielleicht k\u00f6nnen die Entschleunigung, die Freiheit, die sp\u00fcrte und die Zufriedenheit, die ich in kleinen Dingen fand als Slow Travel zusammengefasst werden?<\/p>\n\n\n\n<p id=\"block-6923964e-161f-4678-8180-ad34ea8a5b48\"><strong>Was h\u00e4ltst du von dem neuen Reisetrend: Slow Travel?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich denke, dass Zeit der wesentliche Faktor ist. Wenn wenig Zeit vorhanden ist, kann die Reise mit einem regionalen Ansatz gel\u00f6st werden. Wenn man in der n\u00e4heren Umgebung verreist, kann die Reise immer noch als Slow Travel umgesetzt werden. Aber ich sch\u00e4tze, diese zwei Reisearten befriedigen nicht viele Menschen. Wir wollen immer weit weg und wir haben nie gen\u00fcgend Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Nam Donghos Reise- und Architekturfotografie kann auf Instagram gefolgt werden: <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/ndoftheworld\/\">ndoftheworld<\/a><\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-e7838079-cdc1-4272-bff6-18f8a64d32d5\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7_after-crossing-chinese-border_a-dutch-couple-a-swiss-a-german_2-1024x768.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 7_after-crossing-chinese-border_a-dutch-couple-a-swiss-a-german_2-1024x768.jpg\"\/><figcaption><em>Zwei Niederl\u00e4nder, ein Schweizer und ein Deutscher nach dem Grenz\u00fcbertritt, China, 2016.<\/em> <em>Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\" id=\"block-7138e6ea-0342-499b-b915-4436254e8373\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/8_china-kashgar_at-night-market_we-ate-some-of-these-1024x768.jpg\" alt=\"This image has an empty alt attribute; its file name is 8_china-kashgar_at-night-market_we-ate-some-of-these-1024x768.jpg\"\/><figcaption><em>Einheimische Spezialit\u00e4ten auf dem Nachtmarkt, Kashgar, China, 2016. Bild: Nam Dongho.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Interview von <a href=\"https:\/\/www.travelslowly.de\/?page_id=199\">Anika Neugart<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2016 brach der koreanische Architekt Nam Dongho zu einem Abenteuer auf. Er hatte einige Zeit in Amsterdam gearbeitet und steckte nun in einem unbefriedigenden Job in einem Architekturb\u00fcro in M\u00fcnchen fest. Seit l\u00e4ngerer Zeit tr\u00e4umte er davon, eine Radtour zu seiner Heimatstadt Deagu in S\u00fcdkorea zu unternehmen. 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